Teresa Vittucci und die Frage nach dem Tanz

Ich hatte bei den Swiss Dance Days in Lausanne vergangenes Wochenende die Möglichkeit, Teresa Vittuccis Stück All Eyes on zu sehen. Sie stellt ihren Körper in knapp einer Stunde nicht nur dem Theaterpublikum dar, sondern gleichzeitig auch durch einen Video-Sex-Chat dem virtuellen Raum. Sie kennt dabei keine Grenzen, um die Aufmerksamkeit auf sich zuziehen. Wer beobachtet hier eigentlich wen? Was ist privat, was ist intim in Zeiten des Internets?

ALL EYES ON, Teresa Vitucci, März 2017, Zürich

Diese Fragen stellt Teresa Vittucci in einem genialen Spiel mit beiden Publika, in dem immer wieder spontaner Inhalt durch die Webcam-Zuschauenden geliefert wird, sodass sich die Performance immer weiterentwickelt und stets lebhaft bleibt. Wir als Publikum werden Zeuge des fragilen Moments, da sich die Performerin den Unbekannten aus dem Internet annähert. Und diese sonst anonyme Interaktion wird plötzlich sichtbar. Sie setzt die Frage nach dem Sehen-und-Gesehen-werden in den Kontext von Sex-Chats und digitaler Pornografie.

Nun stellt sich aber die Frage, warum diese Art von Performance an einem expliziten TANZ-Festival gezeigt wird. So ist die Entrüstung zweier Choreografie-Studentinnen nach Where do you wanna go today des Künstlers Price durchaus zu verstehen, die sich darüber beklagten, dass hier doch viel zu wenig Tanz gezeigt würde. Denn das grosse Problem dieses sogenannten Konzept-Tanzes, ist das Publikum. Während der Tanz sich an fast allen grossen Häusern an hohen Auslastungen freut, scheint diese Art der sehr spezifischen und schwierigen Performance nur einer kleineren Gruppe an Mitwissenden zu gefallen, zumindest laut Ansicht einiger Kollegen. Würde man diese Stücke nun also auch dem Freund zeigen, der mit der Tanzwelt nichts am Hut hat?

Ja, würde man, wie Teresa Vittucci beweist. Auch wenn es wirklich nicht mehr viel mit Tanz am Hut hat, das muss es gar nicht. Es gibt vor all den Ebenen, die Teresa Vittucci aufstellt, soviel zu entdecken und sich dafür zu begeistern, dass es gar nicht stört, dass das Stück an einem Tanzfestival gezeigt wird.

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