Rammsteins Abrechnung mit Deutschland

Rammstein ist zurück. Nach beinahe zehn Jahren Pause seit dem letzten Album, veröffentlichte die Band nun Ende März ein neues Musikvideo, das Teil des neuen Albums sein wird. Und was für ein Video das ist.

Doch zuerst ein wenig zur Geschichte der Band. Rammstein wurde 1994 als Rockband in Berlin gegründet. Musikalisch werden sie zum Musikstil der Neuen Deutschen Härte gezählt. Schon ihr Name provoziert. Denn auf der Ramstein Air Base fand im August 1988 ein Flugzeugzusammenstoss bei einer Airshow statt, 70 Menschen kamen ums Leben. Die kurze Zeit darauf gegründete Band hiess anfangs noch Rammstein Flugschau. Die darauffolgende Kontroverse ist für den hohen Bekanntheitsgrad der Band mitverantwortlich. In ihrer Anfangszeit wurde Rammstein oft kritisiert, dass sie rechtsextremen Meinungen Platz geben würden, sie verwendeten beispielsweise Filmaufnahmen der nationalsozialistischen Regisseurin Leni Riefenstahl in einem ihrer frühen Videos. Die Musiker distanzierten sich jedoch immer wieder von der Anschuldigung. 1991 veröffentlichten sie das Lied Links 2-3-4, welches ihre linke Gesinnung klar zum Ausdruck bringen sollte.

Die Band Rammstein.

Rammstein enttabuisiert immer wieder Themen, die ansonsten in der Kunst nicht aufgegriffen wurden. So auch in der Single Mein Teil, in der sie den Fall des “Kannibalen von Rotenburg” aufgriffen und aus der Sicht des Opfers, als auch des Täters verarbeiteten. Das dazugehörige Video aus dem Jahr 2004 wurde von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien für Zeiten vor 22 Uhr im Fernsehen gesperrt. Das 2009 veröffentlichte Video zu Pussy wurde indiziert und nur stark zensiert auf den Musiksendern gezeigt, da es die Bandmitglieder beim Geschlechtsverkehr zeigt. Nach dem dazugehörigen Album war die Band zehn Jahre lang weg, sie absolvierten zwar einige Live-Auftritte und Touren, aber es kam keine neue Musik.

Ein Ritt durch die deutsche Geschichte

Der Song Deutschland von Rammstein mit offiziellem Video.

Und genau hier setzt Deutschland an. Etwas über neun Minuten lang, ist das Video aber viel mehr als nur irgendein Musikvideo. Voll von schnellen Schnitten und einer wahnsinnigen Liebe zum Detail, ist es schon fast ein kleiner Spielfilm, welches mindestens so aufwendig inszeniert und produziert ist. Regisseur und Produzent ist Specter, der bekannte Labelchef und Gründer von Aggro Berlin, ein Hiphop-Label, was inzwischen den Betrieb eingestellt hat.

Die Detailverliebtheit in Deutschland wird hier gut sichtbar: mit dem rosa Dreieck nach unten kennzeichnete man im NS-Regime Homosexuelle; der bekannte Davidsstern musste von Juden getragen werden und die zwei Dreiecke ganz rechts bedeuteten politisch Verfolgte und Andersdenkende

Das Video ist ein Querschnitt durch alle wichtigen und prägenden Stationen der deutschen Geschichte. Angefangen von den Germanicus-Feldzügen nach Germania Magna um 16 n. Chr, über die Hexenverbrennungen im Mittelalter, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust bis zu feiernden SED-Parteifunktionären. Alle Szenen enden in Gewalt, die sich als Leitlinie durch das Lied zieht. Der Schwerpunkt ist klar auf den Tiefpunkten der deutschen Geschichte gesetzt. Passend dazu singt Frontsänger Till Lindemann folgende Zeilen:


Deutschland, mein Herz in Flammen
Will dich lieben und verdammen
Deutschland, dein Atem kalt
So jung, und doch so alt
Deutschland, deine Liebe
Ist Fluch und Segen
Deutschland, meine Liebe
Kann ich dir nicht geben

Die Nachricht dahinter ist ersichtlich. Rammstein sagt damit, dass sie sich hin und her gerissen fühlen, aber letztendlich Deutschland, aufgrund der Vergangenheit, nicht lieben können.

Der Skandal mit der Werbung

Besonders interessant ist auch die Werbungsstrategie, die Rammstein verwendet hatte. Sie veröffentlichten einige Tage vor Erscheinung des ganzen Liedes einen Teaser. Darin zeigten sie nur die Szene, in der die Bandmitglieder im KZ erschossen werden. Dazu hörte man im Hintergrund nur die Deutschland, Deutschland– Rufe, was von vielen mit Skepsis und Misstrauen betrachtet wurde.

Als dann aber einige Tage später das ganze Video verfügbar wurde, zeigte sich aber, dass Rammstein etwas ganz anderes meinte. Ihre Strategie ging auf, Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Jüdischen Zentralrats etwa meinte, dass damit eine Grenze überschritten wäre und rief zur Löschung des Teasers auf. Aber auch zahlreiche Medien griffen den Fall auf und berichteten schockiert darüber.

Mit diesem cleveren Zug sicherte sich die Band die maximale Aufmerksamkeit, die sie für ihr Comeback benötigten. Ob dieser Zug jetzt allerdings moralisch vertretbar ist, ist ein anderer Punkt.

Germania verabschiedet sich ins Weltall

Nun stellt sich aber die Frage: Muss das mit soviel Gewalt, die es in dem Video gibt, dargestellt werden? Denn es ist tatsächlich so, dass Rammstein in diesem Video sehr extrem wird und viel Gewaltszenen eingebaut haben. Die Antwort darauf ist zwiespältig. Einerseits ist dies nun einmal Rammsteins künstlerische Art der Provokation. Andererseits vermisst man an manchen Stellen einen feineren Umgang. Klar ist jedoch, dass mit der gewählten Brutalität die Botschaft unmissverständlich deutlich ist.

Das wohl bemerkenswerteste an dem Video folgt jedoch am Ende: Germania (brilliant gespielt von Ruby Commey) wird in einem Glassarg ins Weltall geschickt. Ein Hinweis darauf, dass das mit dem Patriotismus vielleicht doch nur Einbildung ist.


Was sind Eure Gedanken zu Rammsteins Deutschland? Stimmt Ihr mir zu, dass Deutschland in einer hohen künstlerischen Liga spielen? Oder empfindet Ihr es als zu brutal? Oder etwas anderes? Ich freue mich auf jeden Beitrag dazu!

Falls Euch der Beitrag gefallen hat, dann teilt und empfehlt ihn doch gerne weiter!

3 Comments

  1. Ich denke Kunst geht anders, ganz anders.. Aber ohne Verherrlichung sittlich, moralischer Verkommenheit lässt sich heutzutage wohl kein Blumentopf gewinnen..

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    1. Wie geht Kunst dann?

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      1. Das Wahre, Schöne, Gute unserer Väter und Vorväter taugt halt nicht mehr zum Marketing.. Menschenverachtende Pöbeleien, als provozierende Kunst getarnt, sprechen den heutigen Zeitgeist halt eher an und bringen die Kassen dieser neuen Bildungsschicht zum Klingen. Wie gut, das man wenigstens nicht zu solchem Konsum gezwungen ist. Einfach abschalten.

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