Ein bisschen die Welt retten: Teil 1

Die Mont-Blanc-Gruppe von Mollie-Margot aus gesehen.

An einem Montag Ende April komme ich gegen Mittag in Mollie-Margot, eine gute halbe Stunde von Lausanne entfernt, an. Im Hintergrund die Mont-Blanc-Gruppe, liegt hier die soziale Einrichtung La Branche. Die ca. 150 geistig beeinträchtigten Bewohner können hier in verschiedenen Aktivitäten arbeiten.

Hier begegnet mir eine erste Schwierigkeit; wie soll man die Bewohnerinnen denn bezeichnen? Denn sowohl Behinderte als auch Beeinträchtigte sind beides abwertende oder retardierende Begriffe. Ich werde es deshalb von nun an so halten, wie es in La Branche gehandhabt wird: die Bewohner werden hier bénéficiares , die Betreuerinnen educateurs/educatrices genannt.

Auf La Branche arbeiten die résidents je nach eigener Möglichkeiten in ganz unterschiedlichen, handwerklichen atéliers. In diesen werden Tischtücher und Servietten aus Leinen und College-Blöcke und Hefte hergestellt. Die Institution besitzt eine eigene, bio-dynamische Farm mit Kühen, Ziegen, Feldern und 35 Hektaren Wald. Im Garten werden eigene Tees, Früchte und Gemüse angebaut, es gibt ein eigenes Restaurant sowie eine Bäckerei. Für die jüngeren bénéficiares gibt es eine Schule, ebenso wie ein Schwimmbad. Kurz: La Branche ist ein sich grösstenteils selbstversorgendes Dorf.

Das Konzept beruht auf den Prinzipien der Anthroposophie, davon merkt während des Betriebes aber wenig. So gibt es als Behandlungsmethode zwar Eurythmie, es wird sich aber nicht auf die Macht des Kosmos oder ähnliches berufen, was sonst oft der Fall in anthroposophischen Einrichtungen ist. Und oft nicht zu deren Vorteil.

Aber zurück zu meiner Arbeit. Ich erhalte einen geregelten Arbeitsplan, sodass ich möglichst alle Teilbereiche der Einrichtung einen Einblick erhalte. Als erstes ist der Garten an der Reihe. Hier wird von Tomaten bis Radieschen, von Minze bis Kapuzinerblumen, hier wird beinahe alles angebaut. Und alles unter strengen, biologisch-dynamischen Vorschriften. Das bedeutet beispielsweise, dass die Samen von Hand verstreut werden und nicht mit einer Maschine. Oder dass ein bestimmter Dünger für alle Felder eine Stunde lang von Hand in einer bestimmten Bewegung gerührt werden muss.

Es bedeutet aber auch, dass benutzte Felder auch ein Jahr wuchern dürfen und darauf nichts gepflanzt wird.

Der Betrieb muss laufen

Ich merke recht schnell, dass der Betrieb hier laufen muss, ganz egal, ob die bénéficiares nun mitarbeiten oder nicht. So kommt es auch, dass auf ca. 150 Anwohnerinnen über 340 educateurs kommen. Auch wenn es eine integrative Einrichtung ist, es ist eben auch eine Produktionsstätte, die verkauft.

Nach dem Nachmittag lerne ich zum ersten Mal meine Gruppe kennen, genannt Groupe Opale. Ganz unterschiedliche Menschen mit eigenen Problemen wohnen hier miteinander. Ich will sie hier allerdings nicht einzeln vorstellen, da das privat ist und auch bleiben sollte. Nur soviel: in der Groupe Opale wohnen viele derjenigen, die in den atéliers nicht mehr viel leisten können.

Nach einigen Tagen merke ich, wie bei mir die Müdigkeit einsetzt. Immer wachsam sein, dass nichts passiert und zeitgleich auf der Farm Kartoffeln schleppen, ist auf Dauer anstrengend. Und um ehrlich zu sein, die Menschen sind es auch. Ich merke, wie meine Toleranz immer mehr abnimmt und ertappe mich mehrfach beim Denken, dass die bénéficiares doch einfach machen sollen, was ihnen gesagt wird.

Nun ja. Ich habe noch zwei weitere Wochen hier. Mal schauen, was diese noch bringen.


Ein bisschen die Welt retten

In La Branche im malerischen Hinterland von Lausanne leben momentan 150 geistig Beeinträchtigte, die bénéficiares , wie sie dort genannt werden. Sie arbeiten dort in verschiedenen atéliers, etwa auf der Farm oder in der Bäckerei.

Ich darf für drei Wochen im Mai auf La Branche leben, arbeiten und dabei sein. In drei Teilen will ich dabei meine Erlebnisse aufschreiben.

2 Comments

  1. Jurriaan

    schön und toll geschrieben! solche Praktika macht man nur einmal im Leben und sind prägend!! Hab noch eine gute Zeit!

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    1. Danke! Ich werds versuchen 🙂

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