Ein bisschen die Welt retten: Teil 2

Nach einem regnerischen, aber doch erholsamen Wochenende mit Brunchs am Samstag UND Sonntag, beginnt am Montag der reguläre Betrieb auf La Branche wieder, der sozialen Einrichtung, auf der ich drei Wochen arbeiten darf.

In der letzten Woche konnte ich den Betrieb in seinen Grundzügen kennenlernen. Nun geht es darum, wirklich mitzuarbeiten. Ich hatte ja bereits letzte Woche erklärt, dass La Branche auf den dynamisch-ökologischen Prinzipien Rudolf Steiners beruht. Was ich da allerdings noch nicht wusste, ist, dass das auch heisst, sich an einen Mondkalender für das Pflanzen zu halten. Das bedeutet folgendes:

Die Bäuerin und Pionierin des biologisch-dynamischen Pflanzenbaus Maria Thun hat vor mehr als 60 Jahren festgestellt, dass ihre Pflanzen besser wachsen, wenn sie sich beim Säen auch an der Konstellation der Sterne und des Monds ausrichtet. Basierend darauf hat sie dann einen Kalender entwickelt, in dem gesagt wird, an welchen Daten man bestimmte Gemüsesorten aussäen sollte. So heisst es beispielsweise, dass die Tage zwischen dem 2. und 5. Mai für Tomaten reserviert sind.

Für mich klingt das auch nach Hokuspokus. Aber – ob Einbildung oder
nicht – es gibt viele Bauern, die davon berichten, dass ihre Tomaten grösser, ihre Gurken länger, kurz ihre Ernte besser geworden ist. Auch La Branche benutzt diesen Kalender.

Hundert Prozent Aufmerksamkeit

Ich bin sehr froh, soviel auf der Farm und im Garten arbeiten zu können. Denn erst in der zweiten Woche merke ich, wie anstrengend die Arbeit mit den bénéficiares wirklich ist. Man muss immer hundertprozentig da sein und am besten noch aufmerksamer sein. Denn es kann immer sein, dass etwas passiert – wie an einem Abend, als für eine Stunde zwei bénéficiares nicht auftauchen. Der eine der beiden wird schneller handgreiflich, während die andere eher zartbesaitet ist. Befürchtungen, dass er sie irgendwie angegangen haben könnte, oder sogar schlimmeres, kommen dann schnell hoch. Es stellt sich zwar dann heraus, dass er lediglich länger in einem atélier geblieben ist als er sollte und sie wurde lediglich vergessen abzuholen, aber die Aufmerksamkeit darf nach so etwas nicht sinken.

Aber auch die alltägliche Kommunikation mit den bénéficiares ist schwer und mühsam. Von dem Gedanken, dass es jemals Fortschritte geben kann, muss man sich von Anfang an verabschieden. Es geht niemals vorwärts, sondern entweder rückwärts oder stagnierend nirgendwohin.

Genau das macht die Arbeit auf dem Feld so angenehm: ich habe (so hart das auch klingt) nicht soviel mit den bénéficiares zu tun und wenn, dann mit denen, die von sich aus arbeiten.

Und die Arbeit auf der Farm sorgt auch dafür, dass ich mich an einem Nachmittag in einem Traktor wiederfinde, in welchem ich mehrere Stunden fahren darf.


Ein bisschen die Welt retten

In La Branche im malerischen Hinterland von Lausanne leben momentan 150 geistig Beeinträchtigte, die bénéficiares , wie sie dort genannt werden. Sie arbeiten dort in verschiedenen atéliers, etwa auf der Farm oder in der Bäckerei.

Ich darf für drei Wochen im Mai auf La Branche leben, arbeiten und dabei sein. In drei Teilen will ich dabei meine Erlebnisse aufschreiben.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.