Ein bisschen die Welt retten: Teil 3

Ich schreibe diesen letzten Teil meiner dreiteiligen Serie zwei Wochen nach meinem Aufenthalt in der sozialen Einrichtung La Branche bei Lausanne. Dort durfte ich für drei Wochen wohnen und mit ca. 140 geistig Beeinträchtigten, die dort leben und bénéficiares genannt werden, arbeiten.

Zeit für einen Rückblick und den Hintergrund von La Branche. Auf die Frage hin, wer und wie denn ausgewählt würde, wer auf La Branche leben darf, erklärt mir Dominique Philippe, verantwortlich für zwei Häuser, dass nach der ersten Kontaktaufnahme erst einige Praktika absolviert werden. In diesen arbeitet der mögliche zukünftige bénéficiare in den verschiedenen atéliers, also auf der Farm, im Garten oder in der Bäckerei. Danach entscheidet eine unabhängige Kommission, wie es weiter geht.

Soweit zu kommen ist allerdings nicht leicht, denn Plätze sind begrenzt und die Wartelisten lang. Gerade in letzter Zeit kommen viele Eltern, die gerne ihre Kinder in La Branche anmelden und dort zur Schule schicken wollen. So kommt es, dass es in den letzten zwei Jahren einen Zuwachs von 20 unter 20-Jährigen gab. Ebenfalls sind alle bénéficiares seit der Geburt geistig beeinträchtigt.

Ich spreche mit Lukas Blom, der eine Woche nach mir angefangen hat, dort zu arbeiten und nun ein sechsmonatiges Praktikum für das Rote Kreuz hier absolviert. Sein Eindruck nach den zwei Wochen:

“Die Arbeit mit den bénéficiares ist interessant. Manchmal willst Du was richtig machen, aber sie wollen das dann nicht. Immer schwer einzuschätzen, was im Moment dann richtig wäre. Und auch Änderungen generell mögen sie nicht. Also schon der Fakt, dass ich neu bin, ist für sie eine Überwindung, wenn nicht gar ein Problem.”

Im Gespräch mit einigen anderen Mitarbeitenden ergibt sich ein ähnliches Bild: die meisten sind zufrieden mit der Arbeit. Viele schildern mir jedoch Probleme im Umgang mit den bénéficiares. Gerade auf der Farm, wo die Angestellten auch als Agronominnen angestellt sind und nicht als Sozialarbeiter, kommt es gelegentlich zu Spannungen und Problemen, gerade im Sozialen. Denn natürlich ist es schwierig, wenn auf der Farm 500 Kilo Kartoffeln geschält werden müssen, aber dann die bénéficiares nicht mitmachen. Es muss aber gesagt werden, dass in den meisten Fällen die Zusammenarbeit kein grosses Problem darstellt.

Was bleibt

Ich werde vermutlich irgendwann dieses drei Wochen als eine sehr wertvolle Erfahrung ansehen. Im Moment bin ich jedoch nur erleichtert. Während es in der ersten Woche noch Von dem Gedanken an Fortschritt oder Entwicklung kann und sollte man sich von Anfang an verabschieden. Alles, was man sagst, du kannst dir sicher sein, dass man es morgen garantiert wiederholen wirst müssen. Irgendwann verliert man die Geduld und die Nerven liegen blank. Deswegen gilt auch mein grösster Respekt, denjenigen, die ihr ganzes Leben damit verbringen, Menschen zu helfen, bei denen jede Hilfe eigentlich umsonst ist.

Aber genau diese fast schon Intoleranz ist so interessant zu beobachten. Diese Dissonanz macht zu schaffen und ist nur schwer zu verstehen. Denn man will natürlich, dass man es anders empfindet. Aber es zeigt gut auf, dass selbst als liberaler Grüner, der Inklusion fordert und unterstützt – es ist dennoch alles andere als selbstverständlich, mit “anderen” Menschen umgehen zu können.

In anderen Worten: Leben und leben lassen klappt eben nur solange, bis man selbst damit konfrontiert ist.


Ein bisschen die Welt retten

In La Branche im malerischen Hinterland von Lausanne leben momentan 150 geistig Beeinträchtigte, bénéficiares , wie sie dort genannt werden. Sie arbeiten dort in verschiedenen atéliers, etwa auf der Farm oder in der Bäckerei.

Ich darf für drei Wochen im Mai auf La Branche leben, arbeiten und dabei sein. In drei Teilen will ich dabei meine Erlebnisse aufschreiben.

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