„Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ – Swetlana Alexijewitschs Meisterinnenwerk revisited

“Wir hatten alle nur einen Wunsch. An die Front. Wir gingen ins Wehrkomitee, da bekamen wir zu hören: “Wachst noch ein bisschen, Mädels. Ihr seid noch grün.” […] Aber ich erreichte, was ich wollte, ich wurde genommen. Meine Freundin und ich wollten in die Scharfschützenschule, aber es hiess: “Ihr werdet Regulierer. Es ist keine Zeit, Euch auszubilden.” Mama hat ein paar Tage lang der Bahnstation Wache gehalten, um uns abzupassen. Sie sah uns, als wir schon zum Zug liefen, gab mir eine Pirogge und ein Dutzend Eier und fiel in Ohnmacht…”

“Es war schwer. Natürlich war es schwer. Sogar im Rock in ein Auto klettern, wenn lauter Männer um dich sind. Die LKWs waren ja hoch, spezielle Sanitätswagen. Und da mussten wir raufklettern! Das versuch mal…”

“Wir traten der Grösse nach an, ich war die Kleinste. Der Kommandeur geht die Reihe ab, sieht uns an. Er kommt zu mir: “Was ist das für ein Däumelinchen? Was willst du denn hier? Vielleicht gehst Du lieber zurück zu deiner Mama und wächst noch ein bisschen.”
Aber ich hatte keine Mama mehr.”

Diese Texte sind Teil des literarischen Meisterinnenwerkes der Weissrussin Swetlana Alexijewitsch. Das bereits im Jahr 1983 geschriebene Buch wurde mit dem Beginn der Perestroika und dem Ende der Zensur 1985 auf russisch und 1987 in der DDR, bzw. 1989 in der BRD veröffentlicht. Die spätere Literaturnobelpreisträgerin brach mit ihrem Werk ein Tabu. Zum ersten Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sprach jemand öffentlich über die über eine Million Soldatinnen, die in der Sowjetunion während des Krieges im Militär dienten. Der Grossteil dieser Soldatinnen wurden zwar als Sanitäterinnen oder Funkerinnen eingesetzt, es gab aber auch kombattante Regimente, die nur aus Frauen bestanden. Bekanntheit erlangten die sogenannten “Nachthexen”, eine Flugstaffel, die von den deutschen Soldaten so genannt und dementsprechend gefürchtet wurden.

Swetlana Alexijewitsch geht in Der Krieg hat kein weibliches Gesicht allerdings kaum auf diese, taktische Seite des Krieges ein. Sie lässt ehemalige Soldatinnen zu Wort kommen und ihre ganz eigene Geschichte erzählen. Diese Ausschnitte zeigen die menschliche, emotionale Sichtweise auf den “Grossen Vaterländischen Krieg”. Über 700 Scharfschützinnen, Krankenschwestern, Panzerfahrerinnen und Infanteriesoldatinnen befragte Alexijewitsch in den 70-er und 80-er Jahren in Städten wie Moskau und Novosibirsk, aber auch auf dem Land in Dörfern und kleinen Orten. Sie selbst kommt dabei nur als begleitende Kommentatorin vor. Mehr wäre aber auch wirklich nicht angemessen – die Sprachbilder sprechen für sich.

Selbst das Buch von Alexijewitsch ist auch nach fast 30 Jahren nach der Erscheinung in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion kaum gelesen und gehört – im Vergleich zum Westen, wo es als wichtiges Zeugnis der Nachkriegsliteratur gilt – nicht zum allgemeinen Kanon. Das erstaunt, vor allem in Relation dazu, wie viel sonstige Bücher zum Krieg gibt und wie viele davon bekannt sind – die weibliche Seite kommt viel weniger zu Wort.

“Ich war noch so klein, als ich an die Front ging”, berichtet eine ehemalige Scharfschützin, “dass ich im Krieg noch gewachsen bin.” Die meist für ihr Leben lang traumatisierten Soldatinnen erzählen Alexijewitsch von der Hässlichkeit des Krieges. Vom Hunger und von Schmerzen. Vom Dreck und von miserabler Ausrüstung. Vom Tod und vom Töten.

Und davon, wie sie nach dem Krieg versuchten, wieder ins Leben zurückzufinden. Denn nach 1945 ging es vor allem darum, die “Helden” zu feiern. Die weiblichen Kämpferinnen gingen dabei leer aus und mussten so schnell wie möglich wieder zuhause den Haushalt machen.

Viele Soldatinnen wurden nach dem Krieg als “Flintenweiber” von der Gesellschaft verschmäht. Sie sollten keinen Teil in dem Triumph im “Grossen Vaterländischen Krieg” tragen, der fortan als männliche Leistung heroisiert wurde. Stattdessen sollten sie zuhause Kinder gebären, um die vielen männlichen Verluste auszugleichen – auch von Vätern, deren Identität sie nie erfuhren. Stalin liess sie nicht einmal an der Siegesparade auf dem Roten Platz vom 24. Juni 1945 teilnehmen.

Wenn also das nächste Mal die “Befreiung des Vaterlandes” zeremoniell gefeiert wird, wird auch dann eine Gedenkstätte für die russischen Soldatinnen fehlen. Bis heute gibt es von russischer Seite keine Anerkennung von staatlicher Seite für die Frauen, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten.


Das 1985 in Russland und 1989 in der BRD veröffentlichte Buch der weissrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch erzählt die Geschichten der über eine Million sowjetischen Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg. Erhältlich überall da, wo es Bücher gibt.

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